Stock, der

Stock, der

Der Stock, des -es, plur. die Stöcke, Diminut. das Stöckchen, Oberd. Stöcklein, ein sehr vieldeutiges Wort, indem es den alten weiten Umfang einer Ausdehnung nach fast allen Richtungen größten Theils beybehalten hat, denn so wird es, obgleich größten Theils nur in einzelnen Fällen von verschiedenen Dingen gebraucht, welche in die Länge, Höhe, Dicke, und Tiefe ausgedehnet sind.

1. Mit dem herrschenden Begriffe der Länge ohne beträchtliche Dicke.

(1) Der Stamm eines Baumes oder Gewächses. Notker nennt noch den wilden Öhlbaum uuilt Stocche. Wir gebrauchen es im Hochdeutschen nur noch von einigen Stauden. Der Weinstock, der Johannisbeerstock, der Rosenstock, Roßmarinstock, Stachelbeerstock u.s.f. Der Wein schmeckt nach dem Stocke. Vielleicht weil die Stauden aus mehrern Stämmen bestehen; ob es gleich noch ungewiß ist, ob hier nicht vielmehr auf den Umfang, die Ausdehnung eines solchen Gewächses gesehen wird. S. Staude. Besonders scheinet es auch den Stängel eigentlicher Pflanzen bedeutet zu haben, denn von dem Getreide sagt man noch, es bestocke sich, wenn es Halme bekommt. Indessen gebraucht man es hier nur noch von einigen eigentlichen Pflanzen oder Gewächsen, sie mögen nun staudenartig wachsen oder nicht, holzartige Stängel haben oder nicht; Ital. Stecco. Der Blumenstock, Nelkenstock, Salbeystock, Lavkojenstock, Lackstock u.s.f. Ein schöner Stock. Im Schwed. ist Kålstock, ein Kohlstrunk.

Hierher scheinet auch die bey den Buchdruckern übliche Bedeutung zu gehören, wo der Stock oder Buchdruckerstock, eine in Holz, Bley oder Messing geschnittene Verzierung zu Anfange und Ende eines Buches oder eines Theils desselben ist. Mann könnte diese Benennung zwar von der Gestalt der hölzernen, messingenen oder bleyernen Formen solcher Verzierungen herleiten, welche gemeiniglich kleinen Stöcken, d.i. Klötzen, gleichen; allein, wenn man erwäget, daß eine solche Verzierung im Französischen Vignette heißt, welches das Diminutivum von Vigne, ein Weinstock ist, Lat. Viticula, so wird obige Ableitung wahrscheinlicher, indem daraus zugleich erhellet, daß diese Verzierungen anfänglich bloß aus Figuren von Wein- und Blumenstöcken bestanden, welche letztere gemeiniglich noch dazu gewählet werden. Ist eine solche Verzierung in Kupfer gestochen, so nennet man sie im Deutschen nicht mehr einen Stock, sondern man gebraucht alsdann das Französische Vignette. Die Buchbinder haben ähnliche Stöcke, welche sie auf die Bände der Bücher drucken.

(2) Ein Stab, so fern er ein langer Theil eines dünnen Stammes von einem Baume oder Staudengewächse ist, heißt im gemeinen Leben häufig ein Stock, in der anständigern Sprechart ein Stab. Der Nahme eines Stockes kommt ihm nur zu, wenn er eine gewisse, aber unbestimmte, mittelmäßige Länge bey einer geringen Dicke hat. Ist er lang, so heißt er eine Stange, Nieders. Staken; sehr lang, dünn und vorn zugespitzt, eine Gerte oder Ruthe; ist er kurz und dick, ein Knüttel, Bängel oder Prügel; wenn er klein ist, wird er ein Stecken genannt u.s.f. Der Ladestock, oder Ladestecken, der Spatzierstock, Springstock u.s.f. Am Stocke gehen. Mit Stock und Degen spatzieren gehen. Jemanden mit einem Stocke prügeln. Den Stock bekommen, damit geschlagen werden. Im Nieders. gleichfalls Stock, Angels. Stoc, Ital. Stocco. Manche Wortforscher glauben, daß hier der Begriff des Schlagens der herrschende sey, welchen Begriff die verwandten obgleich des Zischlautes beraubten, zudecken für prügeln, Nieders. tageln, das Lat. tax! den Laut eines Schlages nachzuahmen, verstatten, der aber doch hier nicht der herrschende zu seyn scheinet. Für Stock gebraucht man in vielen Fällen in der anständigen Sprechart lieber Stab; z.B. Commando-Stab, Maßstab u.s.f. Doch sind auch hier einige ausgenommen. Der zierliche Stab, woran man gehet, heißt doch fast durchgängig der Stock, obgleich die dichterische und erhabene Schreibart ihn auch den Stab nennen wird. In einigen Gegenden ist der Stock ein Stab von bestimmter Länge, da es denn als ein Längenmaß gebraucht wird. In den Niederdeutschen Marschländern ist der Stock, so viel als Ruthe, d.i. ein Längenmaß von 8 Rhein. Fuß. Ein Stock Torf. In andern Niedersächsischen Gegenden ist Stock so viel wie Elle. Ein Stock Leinwand, eine Elle. Zuweilen werden auch ähnliche Körper von größerer Länge und Dicke Stöcke genannt. So ist der Flaggenstock auf den Schiffen, eine starke Stange, welche die Flagge trägt, und die Stange, oder der Schaft, woran die Fahne befestiget ist, wird wohl auch der Fahnenstock genannt. In dem Bauwesen wird ein steinernes Fensterkreuz, ein Fensterstock genannt.

2. Mit dem herrschenden Begriffe sowohl der beträchtlichen Länge, als der beträchtlichen Dicke kommt es nur in einigen Fällen als ein Kunstwort vor. Ehedem wurde es häufig für Säule, Balken u.s.f. gebraucht, von welcher Bedeutung noch einige Fälle üblich sind. Die Fensterstöcke oder Stöcke eines Fensters sind die vier starken hölzernen oder steinernen Massen, woraus die Einfassung eines Fensters bestehet. Der Pfeiler auf der linken Seite einer Drechselbank heißt der Stock. Im Schwed. ist Stock, und im Griech. δοκος, ein Balken. Auf ähnliche Art ist im Schwed. Stabbe, eine Säule, welches mit unserm Stab verwandt ist. Wenn Stock eine Säule oder etwas stehendes bedeutet, so tritt auch der Begriff des Stehens, der Festigkeit mit ein.

3. Noch häufiger verschwindet der Begriff der Ausdehnung in die Länge, degegen der Begriff der Ausdehnung in die Dicke zunimmt, wo es denn wiederum in verschiedenen besondern Fällen üblich ist.

(1) Ein kurzes dickes Stück oder Ding heißt sehr häufig ein Stock, wobey zugleich der Begriff des Stehens, der Festigkeit, Unbeweglichkeit, oft auch eines Stückes, der geschehenen Abstutzung, Abkürzung, mit eintritt. Im Schwedischen ist stäcka, abkürzen, und stackig, kurz.

Der in der Erde zurück gebliebene Sturz oder Stumpf eines gefälleten Baumes heißt gewöhnlich ein Stock; Nieders. Stak, Stuke, Stubbe, Schwed. Stock. Die Kienstöcke ausraden, die Stöcke von gefälleten Kienbäumen. Daher ausstocken, diese Stöcke ausgraben. Lasset den Stock mit seinen Wurzeln in der Erde bleiben, Dan. 4, 12, 20. Er stehet wie ein Stock, mit dummer Unbeweglichkeit. Über Stock und Stein, über Stock und Block laufen, in der größten Eil, ohne sich durch einige Hindernisse aufhalten zu lassen; in einigen Gegenden über Rusch und Busch.


Nicht anders laufen sie auch über Stock und Stein,

Opitz.


Eben diesen Nahmen bekommt sehr oft auch ein Klotz oder Block; Ital. Zocco, der Haustock, Haublock oder Hauklotz. Der Amboßstock, oder Stock schlechthin, der Klotz oder Block, worin ein Amboß stecket. Welchen Nahmen denn auch viele Dinge bekommen, welche die Gestalt eines Klotzes haben, oder ursprünglich aus einem bloßen Stocke bestanden. Ein Stock zum Almosen, der Armenstock, ein ausgehöhlter eingegrabener verschlossener Stock, worin Almosen für die Armen gesammelt werden, der, wenn er in der Kirche stehet, auch der Kirchenstock heißt. Der Geldstock, eine Art schwerer starker Geldkisten, welche anfänglich vermuthlich auch ein ausgehöhlter fest stehender Klotz war. Der Bienenstock, oder Stock schlechthin, ein kurzes dickes Behältniß für Bienen, weil selbiges ehedem nur ein ausgehöhlter Klotz war, und es zum Theil noch ist, da es denn auch eine Beute genannt wird. Er heißt jetzt ein Stock, auch wenn es ein geflochtener Korb ist. Der Haubenstock, Perruckenstock, ein rundlicher Klotz, die Hauben oder Perrucken darauf zu setzen. Von ähnlicher Art ist der Hutstock der Hutmacher. Das viereckige Fußgestell einer Säule oder Bildsäule heißt im Oberdeutschen ein Säulenstock, Bildstock, oder Stock schlechthin; Siehe Stuhl. In den Walkmühlen ist der Stock ein ausgehöhlter Klotz, worin das Walken verrichtet wird. Ein Amboß wird bey verschiedenen Handwerkern nur ein Stock genannt, dergleichen der Polierstock der Klempener ist.

Besonders ist der Stock ein solcher Klotz, woran die Gefangenen in den Gefängnissen befestiget werden, oft auch ein ausgehöhlter Klotz, worein sie mit den Füßen geschlossen werden. Du hast meinen Fuß in den Stock gelegt, Hiob 13, 27. Schwed. Stock. Jemanden in den Stock legen oder schlagen. Da es denn auch zuweilen für Gefängniß überhaupt gebraucht wird, in welchem Verstande es schon in dem alten Augsburgischen Stadtrechte von 1276 vorkommt. Jemanden mit Stock und Galgen beleihen, mit dem Rechte die Verbrecher gefangen zu nehmen und hinzurichten. Im Engl. sagt man für Stock a Pair of Stocks. S. Stöcken, Stockhaus, Stockmeister u.s.f.

Noch häufiger ist der Stock ein kurzes dickes Werkzeug oder Ding; wo es als ein Kunstwort in solchen Fällen üblich ist, wo ein solches Ding keinen eigenthümlichen Nahmen hat. So ist der Stock in den Orgeln, das kurze dicke schmale Bret, worin die Pfeifen stecken. Eine Docke der Drechsler heißt zuweilen gleichfalls der Stock, wohin der bewegliche Reitstock gehöret. Selbst das Wort Docke gehöret hieher, indem es sich bloß durch den Mangel des intensiven Zischlautes von Stock unterscheidet. Das Gestell eines Lichtes, der Leuchter, heißt im Oberdeutschen ein Lichtstock. Eben daselbst werden die hölzernen Absätze an den weiblichen Schuhen im Diminut. Stöcklein, und im gemeinen Leben Steckel genannt. In Schraubstock, Daumenstock u.s.f. herrscht eben dieser Begriff eines kurzen dicken Dinges. Der Arbeitsstock der Petschaftstecher, ist ein hohler Cylinder, worein sie die Petschafte befestigen, welche sie stechen. Das kurze dicke Holz, worauf die Wagenwinde befestiget wird, heißt der Stock. Der Kittstock der Stein- und Glasschleifer ist ein kleiner Klotz mit einem Stiele, die Dinge, welche geschliffen werden sollen, darauf zu kitten. Ähnliche Stöcke haben die Zinngießer, die zinnernen Gefäße, welche sie ausdrehen wollen, daran zu befestigen. Und so in hundert andern Fällen mehr. S. auch Wachsstock.

Der mittlere Theil eines Hemdes ohne Ärmel und Gehren oder Zwickel, heißt in vielen Gegenden der Stock, in andern der Rumpf.

(2) Eine Masse bey einander befindlicher Dinge Einer Art, besonders so fern sie der Grund davon entspringender anderer Dinge eben derselben Art ist, in welcher Bedeutung in vielen Fällen auch Stamm üblich ist. Der Eyerstock, die bey einander befindlichen Eyer in den weiblichen Körpern. Der Eiterstock in den Geschwüren. Die Stammgüter eines Hauses werden in manchen Gegenden Stockgüter genannt. Im Engl. ist Stock, Französ. Estoc, Ital. Stocco, das Geschlecht, ingleichen der Stamm eines Geschlechtes. Ein Stock Vieh, der Viehstock, eine Menge zu einem Grundstücke gehörigen Viehes, wofür doch im Hochdeutschen Stamm, Viehstamm üblicher ist; Engl. gleichfalls Stock. Im Englischen, Holländischen und Schwedischen bedeutet Stock sehr häufig ein Capital, besonders ein in einer Bank stehendes oder zu öffentlichen Bedürfnissen hergeliehenes Capital, in welcher Bedeutung es auch von einigen im Deutschen gebraucht wird. In den Kartenspielen wird der Haufe Karten, wovon die Spieler die ihrigen nehmen und bekommen, in einigen Gegenden der Stock, Kartenstock, noch häufiger aber der Stamm genannt.

(3) Ein unförmlicher Haufe von Dingen Einer Art, doch auch nur in einigen einzelnen Fällen; eine mit der vorigen sehr nahe verwandte Bedeutung. Ein Stock im Bergbaue, ein großer mit Erz ausgefüllter Raum, S. Stockwerk. Auf den Kupferhämmern ist der Stock ein Stoß in einander passender Schalen, wofür in andern Fällen Satz üblich ist. Ein Heustock ist in einigen Gegenden ein Heuschober, Heuhaufe, und in andern sind Mauerstöcke, Ruinen. Im Schwed. ist Stock gleichfalls ein Haufe, Jütländ. Stacadh, Poln. Stog, Ital. Stacca, Engl. Stack. S. auch Steig und Steigen, von welchen es in dieser Bedeutung ein Intensivum ist. Aus den eigenthümlichen Nahmen vieler Berge in der Schweiz und andern Gegenden, z.B. Blankenstock, Eckstock, Ortstock u.s.f. erhellet, daß es so wie Steig ehedem auch einen Berg bedeutet habe. Hierher gehöret auch Stock, so fern es in einigen Gegenden ein Getreidemaß ist. In Hamburg ist ein Stock Gersten eine Menge von drey Wispeln. In andern Fällen ist dafür Last üblicher. Wenn es alsdann ein Zahlwort vor sich hat, so bleibt es im Plural unverändert. Sechs Stock, nicht Stöcke.

(4) Nach einer, auch bey andern ähnlichen Wörtern, welche eine Masse, eine Ausdehnung nach allen Seiten, oder auch eine Festigkeit, eine Unbeweglichkeit bedeuten, gewöhnlichen Figur, ist stock in vielen Zusammensetzungen des gemeinen Lebens ein gewöhnliches Zeichen der Intension, welches so wie erz- den Begriff des folgenden Wortes erhöhet. Der große Haufe der Hoch- und Oberdeutschen kennet von dieser Art die Wörter stockblind, stockdürre, stockdumm, stockfinster, stockfremd, stocksteif, stockstille, stockstumm, und vielleicht noch einige andere. Im Niedersächsischen sagt man auch stocktodt und stocknackend. Bey welchen Wörtern man nicht allemahl unmittelbar an einen Stock, Stab, oder an einen Stock, Klotz, denken muß. S. diese Wörter an ihrem Orte, ingleichen Stockböhme und Stocknarr.

4. Der Inbegriff aller in Einer Höhe oder auf Einem Boden eines Gebäudes befindlichen Zimmer heißt ein Stock oder ein Stockwerk, sonst auch ein Schoß oder Geschoß, wo der Plural, wenn ein Zahlwort vorher gehet, gleichfalls Stock lautet. Ein Haus von zwey, drey Stocken. Im ersten, im zweyten Stocke wohnen. Im Böhmischen gleichfalls Stock, im mittlern Lat. Estaco, Estaga, woher die Franzosen ihr Etage haben. Der Stammbegriff ist in dieser Bedeutung noch ein wenig dunkel: indessen scheinet, so wie in Schoß oder Geschoß, der Begriff der Höhe, der herrschende zu seyn, obgleich auch der vorige Begriff der Masse, des Inbegriffes mehrerer Dinge Einer Art der Stammbegriff seyn kann. S. auch Stockwerk.

5. Endlich finden sich auch Spuren, daß Stock ehedem auch einen hohlen Raum, ein Behältniß bedeutet haben müsse, da es denn als ein Verwandter von dem Oberdeutschen Teichel, ein Canal, von der Docke im Schiffsbaue, von dem Holländ. Dogger, ein kleines Schiff, von tauchen u.s.f. angesehen werden kann. So wird z.B. in den Brauhäusern ein viereckiges Gefäß in Gestalt eines Kastens, worin man das Bier abkühlen lässet, und welches auch die Kühle und das Kühlschiff heißt, der Kühlstock genannt.

Anm. Der verdoppelte Gaumenlaut am Ende ist ein Zeichen einer Intension, so daß dieses Wort sowohl von stehen, stauchen, steigen, stechen, in der weitesten Bedeutung der Bewegung, und andern ähnlichen abgeleitet werden muß, deren sämmtliche Bedeutungen zum Theil in demselben zusammen fließen. In der ganzen dritten Hauptbedeutung sind dick und Docke, Teig, und andere ähnliche als nahe Verwandte davon anzusehen, indem ihnen zum Theil nur der theils zufällige, theils intensive Zischlaut mangelt. S. auch Stocken.


http://www.zeno.org/Adelung-1793. 1793–1801.

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