Ruhe, die

Ruhe, die

Die Ruhe, plur. die -n, von dem Zeitworte ruhen. Es ist in einer doppelten Hauptbedeutung üblich.

I. Als ein Abstractum, und ohne Plural, der Zustand, da ein Ding ruhet.

1. In weiterer Bedeutung, der Zustand, da ein Ding sich nicht beweget, seinen Ort nicht verändert, die Abwesenheit der Bewegung. 1) Eigentlich. Ein Körper ist in Ruhe, wenn er seinen Ort nicht verändert, wenn er sich nicht beweget. Laß den Stein in seiner Ruhe, laß ihn liegen, wo und wie er liegt. Der Hahn steht in der Ruhe, an einem Feuergewehre, wenn er nicht gespannt ist, folglich sich nicht bestrebt, sich zu bewegen. 2) In weiterer Bedeutung wird die Ruhe oft nur heftigen Bewegungen, und in figürlichem Verstande lebhaften und besonders beschwerlichen Gemüthsbewegungen entgegen gesetzet. (a) Der Zustand, da ein Ding keine heftigen oder andern beschwerlichen Bewegungen macht. Er hat keine Ruhe, sagt man von einem Menschen, der immer in heftiger Bewegung des Leibes ist. Gib Ruhe! im gemeinen Leben, lärme nicht so. Keine Ruhe vor jemanden haben, wenn man immer in heftigen Bewegungen von ihm erhalten wird. Jemanden keine Ruhe lassen. (b) Der Zustand, da man von beschwerlichen Geschäften befreyet ist, die Entfernung von lästigen Geschäften. Die Ruhe lieben, suchen. In Ruhe leben. Sich zur Ruhe setzen. Sich in Ruhe begeben. (c) Die Abwesenheit alles Streites, Zankes und Krieges; wo es so viel als Friede ist, und oft mit diesem Worte verbunden wird. In Ruhe und Friede leben. Das Seinige in Ruhe besitzen. Die Ruhe einer Familie stören. Die öffentliche Ruhe stören, wieder herstellen. Sich Ruhe schaffen. (b) Die Abwesenheit aller heftigen Gemüthsbewegungen. Sein Gemüth zur Ruhe bringen. Das störet die Ruhe des Geistes, des Gemüthes. Die Gemüthsruhe, Geistesruhe, Seelenruhe. Wenn ich innere Ruhe genug hätte, um mein Herz den Vergnügungen des Herzens zu öffnen, Zimmerm. Deine Bestimmung fordert viel Eingezogenheit, viel Stille und Ruhe des Geistes. (e) Die Abwesenheit des Geräusches, ingleichen aller beschwerlichen und unangenehme Empfindungen. Ich habe keine Ruhe vor ihm. Nicht einmahl mit Ruhe essen können. Jemanden keine Ruhe lassen. Keine Ruhe vor jemanden haben. Sie sollen recht haben, lassen sie mich nur in Ruhe, Gell. Lassen sie mich damit in Ruhe. Die Ruhe des Gewissens, Gewissensruhe.


Ich kann dem Zweifel nach, der meine Ruhe stört,

Gell.


2. In engerer Bedeutung ist es der Stand der Ruhe nach einer vorher gegangenen beschwerlichen Bewegung, besonders so fern sie zur Wiederherstellung der Kräfte dienet. 1) Überhaupt. Jemanden keine Ruhe lassen. Der Ruhe pflegen. Da man denn in der Landwirthschaft auch den Zustand, da man einen Acker brache liegen läßt, die Ruhe desselben nennet. Jetzt kommt die Ruhe des Winters, ihr Baüme, Geßn. 2) In engerer und figürlicherer Bedeutung. (a) Der Schlaf, besonders in der edlern Schreibart. Keine Ruhe haben, nicht schlafen können. Sich zur Ruhe begeben oder legen. Mittagsruhe halten, nach dem Essen schlafen. Jemanden die Ruhe mitnehmen, im gemeinen Leben, wo man glaubt, daß ein Kind oder ein Kranker nicht werde schlafen können, wenn eine in das Zimmer kommende fremde Person sich nicht setzt. (b) Der Stand des Todes und des Grabes. Zur Ruhe kommen, in seine Ruhe eingehen, sterben. Jemanden zu seiner Ruhe bringen, ihn feyerlich beerdigen.

II. Als ein Concretum, der Ort, wo eine Person oder Sache ruhet; wo es doch nur in einigen einzelnen Fällen üblich ist, da denn zuweilen auch der Plural Statt findet. Dieß ist meine Ruhe ewiglich, hier will ich wohnen, Ps. 132, 14. In der Mechanik wird auch der Ruhepunct, der Ort, wo ein Hebel aufliegt, die Ruhe genannt. Bey den Jägern ist die Ruhe der Ort in einem Gehölze, wo das Roth- und Damwildbret gelegen hat; das Bett. In den Gewehrschlössern werden der Arm der Nuß und dessen Einschnitte, worauf die Schlagfeder und die Stange ruhen, so wohl die Ruhen, als auch die Rasten genannt.

Anm. Bey dem Willeram und Notker Ruowo, Rauuo, bey den Schwäbischen Dichtern Ruowe, im Nieders. Roue, Rouwe, bey den ältern Engländern Row, bey den Schweden Ro, im Finnländischen Rauha, im Isländischen mit einem andern Endlaute Roth, wohin auch des Nieders. Reide, ein ruhiger Aufenthalt, und unser Friede gehören. S. Ruhen.


http://www.zeno.org/Adelung-1793. 1793–1801.

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